Bucht der Engel - 1995/6
Capelle a/d IjsselDer Nebel war so dick, dass man den Vormann nicht erkennen konnte. Nicht mal die Rücklichter, und das Nebellicht war als verwaschener, rötlicher Fleck ohne Zugehörigkeit. Es war gespenstig. Es erinnerte mich an zwei, nein drei andere Gelegenheiten, an denen ich unterwegs war, gefangen in einer Suppe, die keine Orientierung zuließ. Selbst die Strassenschilder konnte man erst im allerletzten Moment erkennen und mußte anhalten, wollte man lesen, was darauf stand. Ich hatte keine Ahnung wo ich war. Endlich war es uns gelungen, wenigstens dieses Schiff, mehr ein Wrack, zu bekommen.
Dieser ominösen Ruitenberg, Objekt der Begierde meines Partners, war nicht beizukommen gewesen.
Trotz einer abenteuerlichen
Fahrt quer durch Holland mit vielen telefonischen Anweisungen durch den
Makler. Er hatte das Schiff zwei Schiffern anvertraut, die es nach
Friesland bringen sollten, kurz vor seiner Abreise nach Indonesien. Wir
standen in Verbindung mit ihm und erhielten seine Anweisungen
telefonisch. Die Ruitenberg war nicht mehr an ihrem Anleger. Immer
wieder mussten wir anrufen und er sich vergewissern, wo es denn jetzt
eigentlich sei. Es waren ziemlich dubiose Anweisungen, weil er es auch
nicht so genau feststellen konnte. Lediglich die Destination, die er
vorgegeben hatte und so verfolgten wir die mögliche Route, ohne Erfolg.
Es blieb verschwunden. Wir machten merkwürdige Bekanntschaften an den
Stellen in Friesland, wo es vorübergehend hätte untergebracht sein
können. Man kann nicht direkt sagen, dass die feindlich waren, aber man
merkte, dass "man" etwas wusste, dies aber nicht preisgeben wollte. -
Es stellte sich heraus, dass sie selbst an dem -eigentlich einem Wrack-
Schiff interessiert waren und sie benutzten die Abwesenheit des Maklers
es auf Umwegen verschwinden zu lassen. Allerdings, als der Makler wieder
zurück war, stellte er fest, dass der von ihm geforderte Betrag auf
seinem Konto eingegangen war. - Wir hatten das Nachsehen und so begann
die weitere Suche "nach unserem Schiff". Das heisst, es blieb mir
überlassen, denn "er" war mit seinen diversen Projekten auf Mallorca
beschäftigt, wo er für private Boots-Eigentümer entweder Unterhalt
betrieb oder Umbauten vornahm.Ich fragte mich oft, was mich geritten haben könnte, mich auf so ein Unternehmen einzulassen. Nun, eigentlich war es ja keine Frage, denn das wusste ich nur zu gut. Aber es liess sich nicht wirklich "fassbar" verkaufen. Tatsache war, dass ich seit meiner Rückkehr aus Süd-Afrika von einem langjährigen Aufenthalt dort, zwar immer gute -sogenannte gute- Jobs ohne weitere Probleme fand, aber es waren auch immer solche, die an die Substanz gingen. Zwar war ich "nur" Sekretärin und Übersetzerin einer Geschäftsleitung, eingangs auch indirekt für die Regierung, Forschungsministerium, im wissenschaftlichen Büro des Weltwirtschaftsgipfels (Economic Summit) tätig, aber immer waren es sehr aufreibende Jobs gewesen, wodurch mir sehr wenig Zeit für meine Jungs blieb und das Familienleben ungemein vernachlässigt wurde. Musste, es ging nicht anders. Ich empfand eine späte Einsicht in die Umstände, denen Männer allgemein ausgesetzt waren. So wirklich karrieresüchtig war ich nicht, wurde aber im Laufe der kommenden zehn Jahre gründlich davon gereinigt. Denn ich fragte mich, "was" es eigentlich wert ist, so etwas zu machen. Natürlich gings um Geld. Einkommen. Soviel verdiente man in dem Beruf dann nicht um die grosse Belastung, vor allem auch der vielen Streitereien unter Abteilungen gepaart mit der unverhältnismässigen Selbstbeteilung der Regierung in Form von Steuerabgaben als alleinerziehende Mutter zweier Heranwachsender wegstecken zu können. Mehrfach musste ich meinen Urlaub hinten an stellen, auch wenn die Buchung von der Geschäftsleitung rückgäangig gemacht bzw. übernommen wurde. Das hält man nicht oft aus. Und so fiel ich dann doch so auf die Nase, dass mir dringend geraten wurde, etwas anderes zu machen. - Dazu kamen Erlebnisse übernatürlicher Art, die mich in die dann eingegangene Richtung umleiteten. - Nicht ohne grosse Schmerzen.
Unser Wrack sollten wir endlich in der "Bucht der Engel" bei "denBosch" finden. Es war wirklich ein Wrack, wenn auch "oben" schwimmend und gehörte einem Mann, der schon sehr lange in dieser abgelegenen, ein wenig gammeligen Bucht auf ihm wohnte. Mit ihm noch einige andere auf deren ehemaligen Binnenschiffen oder sonstigen Schiffs-Typen. Als ich davon erfuhr, hatte ich es schon zuvor in der Nacht "gesehen". Es war abenteuerlich über ehemals schwimmende Stege zu balancieren, die mehr unter Wasser und glitschig überwuchert von teils dichtem Pflanzenbewuchs eine äusserst schwankende Angelegenheit waren. Dann musste man an einem brüchigen und wurmstichigen ehemaligen Dalben hochklettern. Zum Glück gab es Reste von Leitern und hochgestellte Paletten, die jemand dort festgebunden hatte und mit einem beherzten Sprung landete man auf dem Deck. Nachdem die erste Begehung geklärt war, und ich überhaupt nicht wusste, was mir da alles erzählt worden war, schon gar nicht mehr, wie sich die Gegend eigentlich nannte, war das Zurückfinden zum Vertragsabschluss dann nochmal ein merkwürdiges Ereignis.

