Baustelle

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Der Lebensretter

Antwerpen 1999 ...




Der Lebensretter

Der Sonne entgegen…........hatte ich zumindest gedacht. Aber dann sind wir dort gestrandet. Ja, regelrecht, und mussten Zeitarbeitsjobs finden, denn erst gingen die Masten zu Bruch und spaeter, im offiziellen Hafen, blies uns ein 2000PS Binnenfahrer das Wasser unter dem Schiff weg, d.h. vom Ansaug der Kuehlung, gerade als der Generator lief und ich das -immerhin im Hafen verbotene- Manoever, das draussen vor sich ging, nicht gehoert hatte, weil ich im Maschinenraum war und nur wegen der extremen Bewegungen hoch ging um zu sehen, was los war. Die hoerten aber auch nicht auf, ihre Maschinen voll Power laufen zu lassen, nur das Ruder, das gegen uns (immerhin kurze Distanz) gerichtet war, veraenderte der Schiffer als er mich sah, aber er grinste sich eins. Da wars schon passiert. Der Generator war trockengelaufen. Sie schalteten die Maschinen ab und just einen Augenblick spaeter kam die Wasserpolizei ins Hafenbecken gefahren. Ich war so genervt, dass ich rueber ging und den Vorfall schilderte, doch bei denen gingen sofort die Schotten dicht: “das waere doch nicht beweisbar und was sollten sie tun, ausserdem wuerde es sehr lange dauern, bis ich mein eventuelles Recht vor Gericht durchsetzen koenne”.

Die Jungs wollten einfach nur ihre Mittagspause in Ruhe machen. Ich hatte da schon einen ersten Eindruck von dem, was mich die naechsten zehn Jahre erwartete. – Antwerpen kannte ich vorher, wir sind oefter dorthin gefahren, wenn wir etwas brauchten. Als wir allerdings prueften, ob das Schiff noch eingetragen stand und die Ausschreibung aus dem Register anleierten, bekam ich die volle Absurditaet beamtlichen Denkens zu spueren. Einerseits war das ja richtig, andererseits und unter den Umstaenden, weil es mehr oder weniger um ein einhundert Jahre altes Wrack ging, voellig absurd. – Nie hatte ich vermutet, dass diese Stadt, dieses Land, so lange mal mein erzwungenes Domizil werden sollte. Es lag nicht im Plan. – 
Das Anschaffen von Geraeten, Apparaturen oder sonstigem Material war etwas, womit ich zu dem Extent auch nicht gerechnet hatte, denn er hatte ja schon RadioEquipment, auf das er sehr
stolz war, weil es professionelle Geraete waren. Doch waren sie outdated als wir sie anmelden wollten. So fiel ich oft von einem Entsetzen ins andere. Das wuerde auch noch ne Weile andauern, noch gesteigert durch die Erfahrungen, die ich mit belgischen Behoerden machen musste, allerdings auch mit den mir vermittelten Lebensumstaenden, die eigentlich christliches Denken auf den Kopf stellten. – Die Kosten waren immens, entschieden hoeher als besprochen. Unser eigenes Kapital war schon bei Grundanschaffungen drauf gegangen, obwohl wir zusammen doppelt soviel hatten, als er am Anfang von ausgegangen war. Und das Kapital der Bank reichte bei weitem nicht, war sowieso von Anfang an nicht, wie ich gewollt hatte; sie hatten sich geweigert und wir waren schon zu sehr involviert als dass ich nicht alles daran gesetzt haette, die Sache durchzuziehen. So langsam begann sich mein politisches Gefuege zu entwickeln, ich begann mehr als vorher auf Zusammenhaenge zwischen politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Entwicklungen und meinen eigenen Eingebungen zu achten. Zwar hatte ich in 1998 eine schier unglaubliche Erfahrung gemacht, aber die schuechterte mich noch ein und machte mich unentschlossen, aber sie hatte letztlich das ganze Konzert hier ausgeloest, doch meine anerzogenen `Werte von Christlichkeit loesten immer wieder innerliche Konflikte aus.


So konnte man einfach keine Existenz gruenden, ich ahnte damals aber, dass die Zeit kommen wird, die
zurechtstutzt, Laender auf den Kopf stellt, politische und wirtschaftliche Bedingungen vorfuehrt. Ich hatte einen Existenzgruendungskredit beantragt und war mit meinem Konzept bei den Banken unserer Waterkant abgelehnt worden, “wir seien zu klein und die “Muehe”nicht wert”; man verwies immer wieder auf Hausbanken. Das hatte geklappt, wieder aufgrund einer Vision, nachzulesen hier, aber nicht zu ERP- etc-Bedingungen. – Und dann das hier: gestrandet in dem kleinen Belgien in Antwerpen auf der Durchreise in den Sueden. Meinem aelteren Sohn ging es auch nicht gut, der juengere biss sich durch. Nachdem er nach seiner Ausbildung bei Hoechst sofort eingezogen worden war, ohne die Chance zu haben, in seinem neu erlernten Beruf Fuss zu fassen, gings nach den vier Jahren bei der Bundeswehr auch einfach nicht weiter. Das Arbeitsamt hatte sich sehr lange Zeit geweigert, eine Umschulung zu gewaehren, obwohl Hoechst inzwischen nicht mehr existierte, jedenfalls nicht in Deutschland.
Der Beruf war auf Anforderungen von Hoechst zugeschnitten. Berufsbilder, entwickelt und begruendet von Anforderungen der Industrie taugen nichts, sie orientieren sich nicht an vorhandenen Talenten und Faehigkeiten, nicht an menschlichen Beduerfnissen. Waere es nicht Gott Selbst gewesen, der mich auf diesen Weg gebracht hat, haette ich schon lange vorher, schon in Harlingen, das Handtuch geworfen. Aber ich durfte nicht. Und hatte so stark und unverwechselbar mit zwei einander entgegen gestellten Kraeften zu tun, die man einfach nicht verleugnen konnte. Dieser Weg war vorbestimmt und wuerde in was-weiss-ich-fuer Entwicklungen fuehren.


Jetzt waren sie endlich angekommen, mein Aeltester und meine Mutter und wollten sich ansehen, wie wir inzwischen lebten. Es hatte sich einiges getan, wenn auch noch ziemlich roh. Waende waren eingezogen, Raeume existierten und Betten waren zum Teil gebaut. Es gab bereits unser Bad und auch das zweite sah schon recht gut aus. Fuer beide war eine bequeme Kabine mit Schrank und Bett vorhanden. Alles war klein, aber dafuer war das Haus beweglich, konnte mitgenommen werden.

Das Straatsburgdok war nicht das schlechteste, trotzdem lagen hauptsaechlich alte, verwahrloste Kaehne dort. wir lagen neben zwei rot gestrichenen ehemaligen Duwern, die unbewohnt dort geparkt waren und ueber deren Seitendecks man bequem bei uns an Bord gelangen konnte, selbst wenn man nicht sehr sportlich war.

Das ganze Dok, eigentlich eine breite Durchfahrt mit Uebernachtungsplaetzen, war auch auf der Kade verwahrlost, weil nicht nur ausrangierte Schiffe hier lagen, teils bewohnt, sondern dort jeder, dem es einfiel, neben einer schon sehr grossen staedtischen Abfalltonne alles, was entsorgt werden muesste, einfach daneben deponierte. Alte Matratzen genauso wie verfaultes Gemuese, die die Leute meist nach Einbruch der Dunkelheit abluden, denn erlaubt war es nicht. Um dieser Schweinerei Einhalt zu gebieten, wurde spaeter eine Kamera installiert, aber das nuetzte ueberhaupt nichts. Dennoch gab es nicht nur Schrott und Gestank, es wurden merkwuerdigerweise selbst wertvolle Dinge einfach dort abgeladen, wie einige Tage nacheinander immer wieder Puppen, die ich jeweils fand, wenn ich unseren Muell in die Muelltonne brachte. Da sie neu aussahen, wenn auch verdreckt und schmierig, nahm ich sie mit, saeuberte sie und machte ein paar Puppenkleider. Den ganzen Schwung, es waren einige, und alle Babypuppen, brachte ich kurz vor Weihnachten in eine Pfarrei, der ein Kinderheim angeschlossen war.

Ein Stueck weiter lagen mehrere Binnenschiffe, die, wie gesagt, nicht mehr in Fahrt waren. Es lebten einige aeltere Leute darauf, Mann und Frau, Walonen, aber jeder auf seinem eigenen Schiff.
Die Frau hatte auf ihrem eine Art Garten angelegt, spaeter sah ich, dass sie einen Verschlag darauf errichtet hatten und darin hielt sie eine Ziege. Eigentlich waren sie nett, auch wenn mich ihr Aussehen zunaechst etwas erschreckte, beinahe zahnlos und etwas zigeunerhaft kamen sie mir nicht gerade vertrauenswuerdig vor. Ich irrte mich allerdings. Der Mann hatte einen grossen schwarzen Kampfhund, an dem man nur ungern vorbei ging, obwohl er in ziemlicher Hoehe vom Deck des Schiffs auf einen runterbarkte.

Auf unserer anderen Seite in der Kurve lag ebenfalls ein Binnenschiff mit einem grossen Karavan darauf, in dem die Leute hauptsaechlich wohnten. Der Generator lief fast ununterbrochen ziemlich laut, und selbst die ganze Nacht hindurch, wenn irgendwas im Fernsehen interessant war, dass die Nachbarin davor sitzen blieb. Sie waren ehemalige Binnenschiffer, die aufgegeben hatten, weil die Tonnage ihres Schiffes nicht mehr gefragt war. Er arbeitete irgendwo als Leiharbeiter, auch sehr nette Leute. Diese vom unbeeinflussbaren Leben, und den raffgierigen Fehlern von Politik und Wirtschaft verursacht zusammengewuerfelte kleine Gemeinde war jetzt unsere Nachbarschaft. Ich hatte mich an so manches zu gewoehnen.

Ich ging nach unten um Kaffee zu machen fuer einen gemuetlichen Nachmittagsplausch bei Kuchen und Kaffee. Mein Partner wollte endlich in den Mast um sich die Stenge anzuschauen, die schon seit einem Jahr am oberen Ende mehrwuerdig nach vorn gebogen war. Mein Sohn sicherte ihn mit dem Seil, denn ueber die redlines ging es noch nicht. Es gab einen fuerchterlichen Schlag, der sich unten in der Kombuese anhoehrte, als seien Bomben aufs Deck gefallen.

Ich hoerte meine Mutter schreien und rannte nach oben. Sie stand in der Tuer und war voellig fassungslos. Sie wusste nicht, was eigentlich passiert war, denn sie hatte im Salon gesessen und gelesen, hoerte diesen Krawall und sah, dass die beiden Maenner nicht mehr da waren, aber jede Menge Holz auf Deck herumlag. „oh Gott“ rief sie dauernd, „das ist ja wie im Krieg“.

Ich rannte raus und um das Deck herum, da hoerte ich meinen Sohn, der rief, dass Jim verschwunden sei als alles runterstuerzte, er wisse nicht wo. Wir rannten um das Deck, auf der Steuerbordseite hingen die Stahlseile runter ins Wasser.
Da sprang Thorsten in das hellgruene Wasser und tauchte runter, kam sofort wieder hoch um Luft zu holen. Er rief “Jim ist unten in Takelage verhakt ohnmaechtig”. Es waren etwa 2 Meter oder etwas mehr. Immerhin nicht am Grund. Mein Verstand weigerte sich einfach, zu begreifen und ich wollte zum Nachbarn rennen wegen Hilfe, da sah ich den schon angelaufen kommen, er hatte es von seinem Karavan aus beobachtet. Thorsten war inzwischen wieder in das truebe Wasser des Doks runtergetaucht und kam nach einer kurzen Weile mit Jim im Schlepp wieder hoch. Er hatte es geschafft, ihn zu befreien und schleppte ihn zum Rand der beiden Schubschiffe. Der Nachbar war auch angekommen und gemeinsam zogen die beiden Maenner Jim hoch und drehten ihn auf die Seite um eventuelles Wasser aus den Lungen zu bekommen. Thorsten hatte ihn wieder auf den Ruecken gelegt und machte Wiederbelegungsmassagen. Erst geschah nicht viel, doch dann kam Jim benommen zu sich. Er richtete sich sofort auf und uebergab sich, ich wollte die Ambulanz rufen, hatte aber kein Telefon und in der Naehe war nichts. Ausserdem hinderte Jim mich daran, als er fuer einen Moment klar genug war. Er wollte nur kurz sitzen, dann wuerde er wieder fit sein, sagte er und fiel direkt wieder in eine Art Starre. Wir waren entsetzlich besorgt und wollten ihn wenigstens in den Salon bringen, bekamen ihn aber nicht mehr hoch.
In meiner Angst schrie ich ihn an „in Christs name, come by, be whole“ mir liefen die Traenen die Wangen runter und ich schuettelte ihn und gab ihm eine Ohrfeige. Da schuettelte er sich, stand auf und liess sich von uns in den Salon und nach unten in unsere Kabine bringen. Er lehnte einen Arzt konsequent ab, wolle nur ein oder zwei Stunden schlafen, dann sei er wieder okay. Wir wussten nicht, was wir noch haetten tun sollen, aber ich ging alle paar Minuten nach unten, nur um festzustellen, dass er in der Tat fest und tief eingeschlafen war. Und wirklich, am naechsten Morgen war er wieder voellig in Ordnung als sei nichta gewesen. Er begann das Deck aufzuraeumen. Dabei jammerte er dauernd ueber die Masten, an denen ich so unendlich viel Arbeit hatte, als ich sie herstellte. Die Masten waren mir ziemlich egal und erst nach langer Zeit, als wir schon dabei waren, nach geeignetem Material aus Stahl zu suchen, um sie zu ersetzen, ging mir auf, dass ich da tatsaechlich einiges geleistet hatte.

Mein Sohn und meine Mutter waren nach der Woche wieder abgereist, aber froh, das alles so glimpflich abgelaufen war.